Home arrow Kultur
Kultur Drucken E-Mail
Volkskultur

Gedichte
G
edichte können als dichte und außergewöhnliche Erzählkunst definiert werden, die durch die Verwendung von Elementen wie sprachliche Bedeutung, Ton und Rythmus Gefühle, Gedanken oder auch Ereignisse ausdrücken. Da das Gedicht das älteste und die ureigenste Erzählweise der Menschheit ist, wurden viele verschiedene Definitionen hervorgebracht, aber keine dieser Definitionen konnte diesen Begriff genau erklären. Als gebräuchlichste Definition wird folgende angesehen: Das Gedicht ist das Gegenteil der Prosa. Man kann auch so sagen, dass das Gedicht Gefühle und Gedanken mit einer Tonharmonie, einem für das Ohr wohlklingendem Vers, ausdrückt, was die Prosa in dem Ausmaß nicht vermag. Diese Definition beinhaltet allerdings auch die Versdichtung (manzume). Der Unterschied dieser beiden Dichtungsarten ist, dass die Versdichtung oberflächlich und gewöhnlich ist, das Gedicht jedoch Tiefe und Dichte trägt. Seit Jahrhunderten wird das Versmaß und das Reimschema als jenes Element, das den Unterschied hervorhebt, akzeptiert. Natürlich werden Gedichte nicht nur mit Versmaß und Reimschema geschrieben. Besonders im 20. Jahrhundert kann man sehen, dass sehr wertvolle Gedichte ohne diese Elemente hervorgebracht wurden. Und damit ist auch die Frage aufgetaucht, wo denn nun Prosa endet und das Gedicht beginnt. In der Prosa wird die Sprache nur zum Zweck der Weiterleitung von Information verwendet. Nach der Weiterleitung dieser Information haben die Wörter keine Bedeutung mehr. Im Gedicht dagegen konzentriert man sich ebenso wie auf die Betonung und Weitervermittlung der Information als auch auf das einzelne Wort. Man kann also sagen, dass es im Gedicht wichtiger ist, wie man etwas sagt, als was man sagt.

  • Epen in Versform
  • Türkü (Lied)
  • Mani (volkstüml. Gedicht)
  • Schnellsprechübung
  • Wiegenlied
      • Trauerode

        Aşık – Tekke Literatur (Volksgesang – mystische Dichtung)
        Âşık Dichtung
        Âşık ist eine Dichtungsart, die in der türkischen Volksliteratur seit dem Beginn des XVI. Jahrhunderts beobachtet werden kann. Âşık ist eine Art Volksgesang, die vorwiegend mit einer Saz (volkstümliches Musikinstrument mit langem Hals, das meist mittels Schlagring gespielt wird) begleitet wird. Âşık ist auch die Bezeichnung für den Vortragenden, der mit einem wandernden Volkssänger oder Troubadour zu vergleichen ist.

        Man glaubt daran, dass die Stärke und Eingebung des Âşık (Volkssänger) von einer Fee kommt, die ihm im Traum erscheint, ihm einen "Liebeswein" anbietet und ihm seine Geliebte im Traum erscheinen lässt. Im Traum erscheint dem Liebenden im allgemeinen seine Geliebte oder ein Saz. Ausgeschmückt werden die Träume von einem weißbärtigem Derwisch und manchesmal von drei vollen Bechern. Häufig spricht man davon, dass der Becher in Form einer Tasse erscheint. Man sagt, dass das Getränk, das den Dichtern im Traum angeboten wird, mit Liebe gefüllt sei. Unter dem Einfluss der persischen Literatur wird diesem Getränk auch der Name "bâde" (Wein) gegeben. Das Getränk wird auch als Liebeswein, "erlik" (Männlichkeit) oder "pirlik" (Anm.: in Anlehnung an Einzigartigkeit, aber auch als Bezeichnung für versch. Blätter) bezeichnet.

        Die Âşık-Dichter werden im allgemeinen von einem Meister dieser Kunst ausgebildet. Von diesem Meister lernen sie sowohl hinsichtlich der meisterhaften Wortwahl und Aussprache als auch hinsichtlich der Kunst des Vortragens Wege und Methoden. Wenn der Dichter diese Kunst ausreichend erlernt hat und bei gesellschaftlichen Veranstaltungen und in Kaffeehäusern diese erfolgreich vortragen kann, so wird er selbst zum Meister. Er nimmt selbst einen Lehrling zur Ausbildung in dieser Kunst auf und somit wird diese Dichtung und Tradition fortgesetzt.

        Der Âşık-Dichter zeigt sein Wissen, seine Gefühle und sein Können bei Zusammentreffen mit anderen Künstlern dieses Volksgesanges. Das Ziel dieser Zusammentreffen ist ein Wettbewerb und der Sieg. Bei diesen Wettbewerben treffen mindestens zwei Âşık-Dichter aufeinander. Der Wettbewerb beginnt mit der Taktvorgabe eines Meisterdichters oder einer angesehenen Person der Gesellschaft, der mit dem Fuß geschlagen wird und endet mit dem Sieg über jenen Âşık-Dichter, der seinen Vierzeiler nicht in dem vorgegebenen Takt halten kann.

        Eines der Hauptelemente der Âşık-Dichtung ist die Erzählung einer Geschichte. Viele der Saz-Dichter, die der Tradition verbunden sind, tragen in den Âşık-Zusammenkünften Geschichten vor. Einige dieser meisterhaften Saz-Dichter tragen einerseits traditionelle Volksgeschichten vor, andererseits erzählen sie ihre eigenen erfundenen Geschichten. Saz-Dichter, die zu dieser Tradition beitrugen sind unter anderem Çıldırlı Âşık Şenlik, Ercişli Emrah und Sabit Müdami.

        Şaman von den Tungusen (altaiischer Volksstamm), Bo oder Bugue der Mongolen oder Baryaten, Oyun der Jakuten, Ozan der Oghusen haben als Vertreter dieser Tradition die Lebensweise der Gesellschaft, ihre Gedanken und Gefühle sowie Ansichten mit ihren Gedichten zur Sprache gebracht.

        Yunus Emre, Pir Sultan Abdal, Köroğlu, Dadaloğlu, Karacaoğlan, Erzurumlu Emrah, Ercişli Emrah, Dertli, Aşık Veysel wurden zu den wichtigsten Vertretern dieser Tradition.

        Die Aşık-Tradition wird auch heute noch in Anatolien aufrechterhalten.

        Tekke Dichtung (mystische Dichtung)
        Die Tekke-Dichtung, auch als religiöse und sufistische Volksdichtung bezeichnet, ist eine Form der Âşık-Dichtung, die durch die Dichtungen der Volkssänger, die im XI. und XII. Jahrhundert Gottesliebe und fromme Gefühle zum Ausdruck brachten, entstanden ist. Die bedeutendsten Meister dieser religiösen oder sufistischen Volksdichtung sind Ahmeet Yesevi, Yunus Emre, Hacı Bayram-ı Veli usw.

        Traditionen der Âşık-Dichtung
        Die Tradition der Âşık-Dichtung, wird nicht zuletzt aufgrund ihrer weit zurückreichenden Wurzeln geehrt. Durch die von Generation zu Generation überlieferten kulturellen Werte, Gebräuche, Wissen, Sitten und Verhalten, die die Âşık-Dichtung zum Ausdruck bringt, ist diese Dichtung, ebenso wie andere Kulturgüter, ein Kulturwert, die das Produkt einer traditionellen Kultur ist und damit gewisse Funktionen erfüllt und Bedürfnisse befriedigt.

        Die Âşık-Dichtung wird traditionsgemäß in einem Vierzeiler-System vorgetragen. Typisch für diese Tradition ist auch, dass wiederum in einem Vierzeiler-System die Silben pro Zeile aufeinander abgestimmt werden und somit siebensilbige, achtsilbige, elfsilbige Vierzeiler zustandekommen.

        Die Traditionen der Âşık-Dichtung können folgendermaßen gereiht werden:
        1.Annahme eines "mahlas" (Pseudonym).
        2.Sich nach einem Traum verlieben (Wein trinken)
        3.Meister – Lehrling
        4.Wettbewerb – Aufeinandertreffen
        5."Leb değmez" (Ein Gedicht, in dem kein Labiallaut vorkommt.)
        6.Askı / muamma (Rätsel)
        7.Dedim – dedi (ich sagte – sie sagte) Gesangsweise
        8.Bekanntgabe des Datums
        9.Nazire (Nachdichtung singen)
        10.Spielen der Saz

        1. Annahme eines "mahlas" (Pseudonyms)
        Unter "mahlas" wird ein Pseudonym verstanden, das der Dichter in seiner Dichtung anstelle seines wirklichen Namens verwendet.

        Dies ist in der Volksliteratur eine an die mahlas-Tradition gebundene Regel. Der tatsächliche Name vieler Âşık-Dichter ist in Vergessenheit geraten, an ihre Stelle treten die mahlas. Der tatsächliche Name Dadaloğlus ist Veli, der Name Sümmanis ist Hüseyin, der Name Gevheris ist Mehmet etc.

        In der Âşık-Tradition werden die verwendeten mahlas auf folgende Wege angenommen:

        a) Der mahlas wird vom Dichter selbst gewählt:
        - Der Name, Vorname wird als mahlas verwendet.
        - Der Dichter wählt selbst seinem Leben und seiner Dichtung entsprechend irgendeinen Namen als mahlas.

        b) Der mahlas wird von einem Âşık-Meister, "İmam" (Geistlicher), "Pir" (Ordensgründer, Greis) oder "Mürşit" (Führer, Ordensoberhaupt) gewählt:
        - Der Âşık-Meister unterwirft den Lehrling einer Prüfung.
        - Je nach Situation findet der Âşık-Meister einen passenden Namen (mahlas).
        - Der mahlas wird unter geistigem Einfluss eines Scheichs oder Pirs angenommen.

        c) Der mahlas wird im Traum während des "bade" trinkens angenommen.

        2. Sich nach einem Traum verlieben (Wein trinken).
        Das Traummotiv ist ein Motiv, das in der türkischen Volksdichtung immer wieder erscheint. Dieses Motiv, das im allgemeinen in Volksgeschichten vorkommt, kann auch in den Lebensgeschichten mancher Âşık-Dichter gefunden werden.

        Die Âşık-Dichter verbinden ihren Zugang zur Âşık-Kunst oder ihre Ausbildung und Vervollständigung zum Âşık-Meister mit zwei Wegen, die sie als traditionelles Element ansehen, nämlich mit der Ausbildung durch einen Meister oder mit einer Eingebung zum Âşık-Dichter in einem Traum, während "bade" getrunken wird.

        "Bade" kann Wein, Fruchtsaft, Wasser oder jegliches anderes Getränk, aber auch Apfel, Granatapfel, Brot, Weintrauben oder jegliches anderes Nahrungsmittel sein.

        In der Âşık-Literatur ist das Traummotiv des bade-trinkens eine traditionelle Notwendigkeit. Nach dem Glauben ist es notwendig, aus den Händen eines Pirs "bade" zu trinken oder von einem Meister ausgebildet zu werden, um Âşık-Dichter zu werden.

        "Bade" wird dem Âşık-Dichter seitens

        -eines Pirs
        -der "Üçler" (Die Dreier)*
        -der "Beşler" (Die Fünfer)*
        -der "Yediler" (Die Siebener)*
        -der "Kırklar" (Die Vierziger)* gereicht.

        * Üçler, Beşler, Yediler, Kırklar sind Bezeichnungen für eine heilige Gruppe von Personen, die im mystischen Glauben vorkommen, allerdings nicht bezeichnet werden.

        3. Meister – Lehrling:
        In der Âşık-Literatur ist die Meister-Lehrling-Tradition eine der wichtigsten der über Jahrhunderte hindurch belebten Traditionen. Im allgemeinen werden die Âşık-Dichter als Lehrling von einem Âşık-Meisters aufgenommen, der ihre Fähigkeiten ausbaut und sie zur Vollendung heranreifen lässt.

        Eine Notwendigkeit der Tradition ist es auch, dass man bei einem als "üstad" bezeichnetem Âşık (üstad = hervorragender Literat) Unterricht nimmt, um die Kunst und Meisterlichkeit in der Dichtung zu erlernen. Dabei muss der junge Âşık-Dichter neben seinem Lehrer viel Geduld aufbringen. Am Ende wird der Lehrling vom Meister gesegnet und erhält nun endlich die Erlaubnis alleine vor dem Volk seine Kunst vorzutragen.

        4. Aufeinandertreffen von Âşık-Dichtern:
        "Atışma" ist eine Art des Vortragens der Âşık-Dichtung, indem vor dem Publikum in abwechselnder Reihenfolge ein Dichter den anderen mit seiner Dichtung in einer spitzen jedoch humorvollen Art herausfordert.

        Das Aufeinandertreffen "karşılama" ist eine Art des Wettkampfes in der Âşık-Dichtung, indem ein Âşık den anderen durch vorgetragene Fragen und Antworten übertrifft oder ihn matt setzt.

        Als "atışma" wird der Gesang, der Vortrag der spontanen Einfälle der Âşık-Dichter genannt, die sie sich gegenseitig in einem bestimmten Rahmen zuwerfen. Bei diesem sogenannten Wettkampf treffen mindesten zwei Dichter zum Gefallen des Publikums aufeinander. Mit Worten und Begleitung der Saz spielen sie sich dabei gegenseitig aus.

        5. "Leb değmez" (Ein Gedicht, in dem kein Labiallaut vorkommt.)
        "Leb değmez" ist eine Form, in der die Âşık-Dichter ihre Meisterlichkeit durch die Verwendung einer bestimmten Art der Wortkunst darlegen. In ihren Gedichten werden Töne verwendet, bei denen die Lippen nicht aufeinandertreffen, also Laute wie B, P, M, V, F nicht vorkommen. Es ist eine Form des "atışma"-Wettkampfes, bei dem eine Nadel zwischen die Lippen gestellt wird und so vorgetragen wird.

        6. Askı / muamma (Rätsel):
        Als "muamma" wird in der Volksdichtung ein Gedicht bezeichnet, das den Namen einer Person oder Existenz verheimlicht. In der Âşık-Dichtung hat das "muamma" einen besonderen Stellenwert. Um ein "muamma" zusammenzustellen oder zu lösen benötigt es besonderen Wissens und Intelligenz.

        "Murat Uraz" erzählt die Anwendung eines "muamma" wie folgt:

        An den Abenden, an denen in den Kaffeehäusern muamma vorgetragen werden, wird keine Zigarette oder Wasserpfeife geraucht. Niemand spricht laut, jeder sitzt ordentlich auf seinem Platz. Das Volk schreibt das vom Dichter vorbereitete muamma auf ein großes Blatt Papier, sodass es auch von großer Entfernung aus gelesen werden kann, und klebt dies auf ein Brett. Auf das Brett wird Bienenwachs in einem Millimeter Stärke aufgetragen. Der Âşık trägt den Kaffeehausbesuchern je nach Beruf oder Stand in der Gesellschaft eine "ağırlama" (lebhafte Musikweise) vor. Der Besungene klebt je nach seinem Stand Geld auf das um das muamma verteilte Bienenwachs. Wer das muamma löst, erhält das Geld und gibt auch einen Teil davon dem Âşık. Sollte das Rätsel einige Abende in dem Kaffeehaus hängenbleiben und nicht gelöst werden, so teilt schließlich der Âşık-Dichter selbst die Lösung mit und darf das gesamte Geld behalten.

        7. Dedim – dedi (ich sagte – sie sagte) Gesangsweise:
        Es ist eine gebräuchliche Form der Volksdichtung und stellt eine Gesangsweise dar, in der die in den "koşma" (Volksliedart) und "semai" (vierzeilige Gedicht- und Liedform) vorkommende Liebende und Geliebte abwechselnd zu Wort kommen. Dabei wird es im Lied in der Gesangsweise "ich sagte – sie sagte" zum Ausdruck gebracht.

        8. Bekanntgabe des Datums:
        Der Âşık-Dichter gibt das Datum von Geschehnissen, die er in seiner Dichtung behandelt, wie Hungersnöte, Überschwemmungen, Seuchen, wichtige Kriege und Geschehnisse, die das soziale Leben beeinträchtigen, sowie sein Geburtsdatum bekannt. Dies geschieht meist in dem ersten oder letzten Vierzeiler, manchesmal auch mitten in den Strophen.

        9. Nazire (Nachdichtung):
        "Nazire" bedeutet, dass ein Gedicht eines Dichters von einem anderen Dichter im selben Reim und Maß in ähnlicher Weise nachgesungen wird.

        10. Saz Spielen:
        Das Saz ist für den Âşık ein Instrument, das ihm Eingebungen gibt und stellt eines der wichtigsten Elemente der Âşık-Tradition dar.

        Volksdichter

        • Aşık Veysel Şatıroğlu
        • Dadaloğlu
          • Dertli
          • Ercişli Emrah
          • Erzurumlu Emrah
          • Karacaoğlan
          • Köroğlu
          • Mahzuni Şerif
          • Pir Sultan Abdal
          • Seyrani
          • Sümmani
          • Yunus Emre
          • Mevlüt Şafak (İhsani)
          • Murat Çobanoğlu
          • Şerafettin Taşlıova (Şeref)



 
© 2006 HE-ADD, Hüseyin Yalçın